BSR-Heft 28 (2025): Die Familie Weiler
Zum Heft
Carl L. Weiler: „Die Familie Weiler“.
Aus dem Englischen übertragen durch Birgit Jenkins. Brakeler Schriftenreihe, Heft 28 (2025).
Hg. Heimat- und Museumsverein Brakel. Druckerei Schröder Brakel.
77 Seiten, mit einigen Familienfotos und Dokumenten.
Das Heft enthält keine Anmerkungen oder Kommentare des Herausgebers zur weiteren Einordnung oder Erklärung der historischen Organisationen oder Ämter. Der Autor hat andererseits ein überraschendes und erstaunliches Erinnerungsvermögen an die Familie u n d an die umwälzenden politischen Ereignisse der Zeit – mit dem Blick eines geschulten Juristen und Weitgereisten.
Nach dem Vorwort des Herausgebers und dem Grußwort der beiden Töchter des Autors Judy Gartner und Susan Oberfeld sind die vier Stolpersteine vor dem Haus „Am Gänseanger 5“ abgebildet
- Friedrich Weiler (1875-1942)
- Ella Weiler geb. Ederheimer (Ehefrau, 1879-1942)
- Carl L Weiler (Sohn, 1904-1988)
- Mathilde Fodor, geb. Weiler (Tochter 1908-1944). Der Stein enthält die Inschrift Mathilde Weiler.
Hinweis: Die Seite der Stolpersteine NRW (App oder Liste Stolpersteine Brakel in Wikipedia) stellt die Lebensdaten und den Lebenslauf in konzentrierter Form bereit.
Der Text im Heft ist im Stil der fundierten Erzählweise chronologisch abgefasst und nicht weiter untergliedert. Die Vornamen (Carl/Karl und Friedrich/Fritz) orientieren sich hier an der deutschen und umgangssprachlichen Schreibweise .
Zum Inhalt
- Teil I: Die Familie vor 1933 (S. 7-41)
- Teil II: Die Familie nach 1932 (S. 42-69)
Die Familiengeschichte Ist insgesamt hochinteressant. Danach kam die 1765 Familie aus Bayern nach Peckelsheim und ab 1824 nach Brakel. Hier waren dann die folgenden drei Generationen beruflich erfolgreich und gestalteten das gesellschaftliche und öffentliche Leben wesentlich mit – als Mitglieder im Club, Kriegerverein, der Feuerwehr, im Heimatverein u. a. sowie als Synagogenvorsteher und als Stadtverordnete.
Die drei Generationen sind:
- Levi Weiler (gest. 1880, Kriegsteilnehmer 1870 und vorher)
- Moses Weiler (1832-1915)
- Fritz Weiler (1875-1942, Kriegsteilnehmer 1916-18). Sein Sohn Karl bringt die Geschichte zu Papier.
Geschäftlich begann es 1824 mit der Fa. „L. Weiler“, die sich 1920 erweitert zur Fa. „Weiler-Heineberg-Flechtheim AG“ im Bereich Produktenhandel Landwirtschaft mit Großhandel.
Kindheit in Frankfurt Main
Die ersten 10 Jahre verbrachte Karl Weiler in Frankfurt. Sein Vater Fritz Weiler hatte dort 1902 Ella Ederheimer geheiratet und ein Lederwarengeschäft betrieben. Im Jahr 1914 folgte er dem Ruf seines Vaters Moses nach Brakel, um in das Geschäft einzusteigen. Karls Ausbildung führte über die Schulen Frankfurt in die Klasse 7 der Rektoratschule in Brakel. Danach zum Gymnasium nach Höxter mit Abschuss Abitur 1922. In seiner Höxteraner Zeit wohnt er zunächst bei Verwandten, danach fährt er täglich mit der Bahn. Danach folgen kaufmännischen Stationen in Hamburg und Breslau (den Wunsch des Vaters befolgend) und schließlich das Jura-Studium mit Abschluss zum Dr. jur. und dem Assessorexamen als Gerichtsreferendendar. Dann verhinderte das am 7. April 1933 erlassene Notstandsgesetz zum Berufsbeamtentum seine Anstellung als Richter. Er bilanziert: Sechs Jahre Studium (in Freiburg und Breslau) und Referendarslaufbahn (in Köln, Brakel, Paderborn und Hamm) – ein „ganz schwerer Schlag“ .
– Auf Wunsch des Vaters tritt er in die Firma WHF AG in Brakel ein, bekommt Prokura und wird Liquidator der Firma ab 1936. Mit seinem Erfahrungsschatz wirft er den Blick auf die folgenden Ereignisse.
Reisefreudig und der Freizeit zugewandt
Im im Zusammenhang mit den Ausbildungsstationen beschreibt er auch Ausflüge in den Schwarzwald, in die Schweiz, an der Mosel und an die Weser (mit Ski-, Rad- und Paddeltouren). Mit genauern und geistreichen Bemerkungen auch seine beruflichen Aufenthalte in Hamburg, Breslau, Freiburg München und die Reisen nach Berlin, Paris, Österreich und Budapest: Ein weitgereister junger Mann, mit hoher Beobachtungsgabe und bemerkenswertem Horizont!
Zum Nationalsozialismus und Hitler
Die Person Adolf Hitlers sieht er auf diese Weise: Er nennt ihn seiner Herkunft nach (S. 30-32) häufig „Adolf Schicklgruber „. Seine Familie sei rassemäßig zweideutig in dem Sinne, dass sein Vater Alois einem Verhältnis der Großmutter mit einem jüdischen Mann stammte (vermutlich). Die schwierige Persönlichkeit Hitler schaffte den Aufstieg in München. Die Zeit des Bierkeller-Putsches von 1923 (S. 33) ist beschrieben. Das Buch „Mein Kampf“ beinhalte die Fantasien eines Verrückten, schreibt er. Leider sei die Schrift nicht wirklich erst genommen worden, denn dann hätte die folgende schlimme Zeit verhindert werden können. Hitlers Hass auf die Juden und ihre Rolle als Sündenbock oder Teil einer Weltverschwörung (S. 31) seien die „Nazi-Version des Antisemitismus“. Die Zusammenfassung gibt er auf S. 37. – Die Entwicklung und Formierung der NS-Partei wird verfolgt einschließlich der finanziellen Unterstützung der Großindustrie (S. 39). Insgesamt seien die Deutschen schon immer regierungstreu gewesen und unkritisch. Das passierte auch beim Übergang zum NS-Regime als neue Obrigkeit.
Weimarer Zeit, Berlin und der Antisemitismus allgemein
Die Weimarer Zeit wird als Zeit der Nöte (Inflation), der Konfrontation der radikalen Parteien beobachtet, aber auch als hohe Zeit der Wissenschaft, der Freiheit und Kultur gewürdigt. Zur Ausganslage der Verfolgung ab 1933 und zur Situation in Brakel schreibt er (S.21): „Der Antisemitismus war in Brakel vor 1933 praktisch nicht präsent“ – „wie in vielen anderen ländlichen Gemeinden“. Die „etwa zwei Dutzend jüdischen Familien“…. „wurden von ihren nichtjüdischen Nachbarn gemocht und geschätzt und als ihresgleichen betrachtet“. Er konstatiert allerdings auch, in Deutschland habe es bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine „milde Form“ des Antisemitismus gegeben. Die Juden seien aber „mehr als ein Jahrhundert emanzipiert und assimiliert“ mit den Ausnahmen: „in einigen Berufen wie in der Armee und in einigen sozialen Kreisen gab es bereits Diskriminierung“ sowie „religiöse Vorurteile in einigen Gegenden des Landes“.
Als er (Karl, zur Prüfung in Berlin) und sein Vater Fritz (auf Geschäftsreise) am 30. Januar 1933, dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler, abends aus dem Theater kommen, ist die NS-Siegesfeier im vollen Gange: Mit „Hunderten, wenn nicht Tausenden“ von Männern mit braunen Hemden als Sturmtruppen im Stechschritt mit Fackeln und Hakenkreuzfahnen. Den beiden Weilers kommt es unisono so vor, als habe plötzlich „eine fremde Macht unser Land besetzt“ (S. 40).
Später wird Karl Weiler Zeuge der Bücherverbrennung in Berlin, er erlebt die Zeit der Olympischen Spiele 1936 mit dem reichen jüdischen Berliner Stadtleben einschließlich offener Synagogen (S. 64). Danach die Ausschaltung jüdischer Künstler für Kulturveranstaltungen.
Die Lage in Brakel ist scheinbar entspannt
Auch in Brakel seien die Braun- und Schwarzhemden aufgetreten und mit ihnen die verhängnisvollen antisemitischen Maßnahmen der NS-Regierung ab 1933. Dies wird verständig und konzentriert dargestellt.
Für die Schwester Mathilde, geb. 1908, genannt Till, ist bereits 1933 die Situation unerträglich. Sie hat nach ihrer Schulbildung an der Brede die neue Lage als wirklich bedrohlich wahrgenommen. Mit 25 Jahren macht sie einen Aupair-Aufenthalt in Paris, 1934 kommt sie zurück und es findet sich ein Weg weg vom NS-Deutschland nach Ungarn in das Unternehmen eines Geschäftspartners für Klee-Saaten. Dort heiratet sie 1935 und bekommt einen Sohn 1936. Nach der Besetzung Ungarn 1944 kommt auch sie ums Leben im Konzentrationslager. Ehemann und Sohn überleben.
Die zunehmende Verblendung der Bevölkerung durch die fast allüberall gegenwärtige Propaganda tat ein Übriges zur Äderung der Stimmungslage. Die jüdischen Mitbürger schwanken zwischen „bleiben, bis der Sturm sich legt“ und „fliehen und auswandern“. Durch Waffensuche und Boykott-Aufrufe usw. werden die jüdischen Einwohner immer weiter schikaniert. Die Nürnberger Gesetze zur Rasselehre vom Sept. 1935 mit dem Ausdruck der „Rassenschande“ übten besonders üblen Einfluss aus, dergestalt, dass sich selbst Nachbarn, Bekannte und alte Freunde nun bewusst abwenden.
Mutter Ella Weiler geb. 1879, versucht ein Leben mit Literatur, Kunst und Musik zu verbinden. Sie pflegt familiäre Verbindungen nach Frankfurt, namentlich auch zum Bruder Richard Ederheimer, einem Kunstsammler. 1935 muss sie ihrer langjährigen katholischen Hausangestellten kündigen, weil sie noch mit 42 Jahren unter dier Schwelle von 45 Jahren lag, auch eine Vorgabe der Rassegesetze. Sie fand Mittel und Wege und bekam schließlich einen jüdischen Kleinhändler als Butler (S. 60 u.a.).
Kontrollen, Schikanen und Verkauf der Firma 1936
Das Geschäftsleben ist Zeit mit hektischen Aktionen ab April 1933, die sich mit ruhigen, normalen Phasen abwechseln. Die Boykott-Aufrufe waren in Brakel nicht wirklich erfolgreich. Anderswo waren sie mit Tumulten und Sachbeschädigungen abgelaufen. Karl Weiler gibt den interessanten Hinweis, dass die Firma und die Personen im Hinterzimmer mehrfach Solidaritätsbekundungen bekommen von Kunden, namentlich Landwirten (S.48), die ansonsten ja zum Teil mit fliegenden Fahnen auf die neue Bewegung aufgesprungen sind. Inwieweit die Bekundungen wirklich echt waren, wird offengelassen.
Einige „Inspektionen“ werden dargestellt, darunter „Besuche“ einer höherer Dienststelle. Auch ein DAF-Funktionär (Dt. Arbeitsfront) hielt eine Schulung ab für die ganze Belegschaft (S. 50). Die 1-stündige Schulung endete mit dem Horst-Wessel-Lied bei ausgestrecktem Arm. Den Gesang mit Hitlergruß macht wohl die ganze erste Reihe nicht mit, was glücklicherweise ohne Folgen bleibt. Ein Bittgesuch der jüdischen Kaufleute der Getreidebörse Paderborn führt Karl Weiler sogar nach Berlin ins Handelsministerium (S. 54).
Die Firma „WHF AG“ wird nach Vorstandsbeschluss 1935 dann Anfang 1936 verkauft („weit unter Wert“) an die Westfälische Centralgenossenschaft Münster. Der Käufer war vom NS-Gauleiter vorgesehen. Ein Foto S. 62 zeigt die Teilhaber und die Belegschaft, insgesamt6 25 Personen. Bei Liquidation gibt es noch zahlreiche offene Beträge, denen sich die schuldnerischen Landwirte häufig entziehen in der Hoffnung auf politische Entscheidungen in der Sache (S. 65).
Er zieht zu den Eltern nach Berlin, um dort die Firma abzuwickeln (S. 64). Hausrat wird öffentlich versteigert und das Haus Am Gänseanger 5 wird verkauft. Hinweis: An die Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe. Der Schulleiter Dr. Alois Brunn bekommt das Büro unten und die Wohnung oben. Die Auswanderungspläne Karl Weilers werden immer konkreter 1936, die erst über einen zweiten Versuch mit einem Brakeler Emil Stern in Baltimore USA mit einer Überseefahrt ab Rotterdam 1937 gelingen (S. 65, 67). Als die Eltern 1938 es versuchen versuchen, ist es schon zu spät
Gedicht eines Auswanderers
Die Erinnerungen an die Zeit enden mit dem Gesicht „Abschieds-Gedanken eines Auswanderers“ mit 26 Zeilen, gereimt und in vier Versen, verfasst auf der Seereise nach Amerika 1937 (S. 68). Die Schlusszeile lautet;
„Mein Vaterland, Du warst so schön / Lebwohl – Vielleicht -Auf Wiedersehn“.
Das ist sehr tief empfunden und berührend für die Nachgeborenen.
Ein Fazit
Die Beschreibung der Familie Weiler mit besonderer Berücksichtigung der NS-Zeit und dem Dilemma der jüdischen Bevölkerung in der Zeit der Verfolgung ist außerordentlich bemerkenswert. Sie ist kenntnisreich, vielschichtig, mit prägnanter Auswahl und legt die schwankenden Sichtweisen dar in Abhängigkeit der Repressionspolitik der NS. Die Entwicklung in Brakel ist im Fokus. Von der vierköpfigen Familie Familie überlebt nur Karl durch Auswanderung. – Da mag man über die mangelnde redaktionelle Begleitung des Textes hinwegsehen, der für Leser ohne historische Vorkenntnis nicht einfach ist.
Das United States Holocaust Memorial Museum verwahrt in der „Carl Weiler and Mina Kaufmann Families Collection“ mehrere Gegenstände, die Karl Weiler bei seiner Flucht in die USA mitnahm. Dort befinden sich noch weitere biographische Information mit Korrespondenzen, Fotografien und sogar einem Rezeptbuch. – Auf der Webseite des Jacob-Pins-Forums existiert ein Eintrag von Carl Weiler.
Zum Schluss noch der Hinweis, dass im Heft der Bruder von Karl, Hermann Weiler (1870-1936), nur an wenigen Stellen erwähnt wird. Er war eine auffällige Persönlichkeit in Brakel, der nachzuspüren ist. Mit ihm in Verbindung steht die Gruppe „Weiler‘sche Erben“.
