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Kreis-Appell – Umfangreicher Nachbericht

Bericht im Volksblatt von dem Kreis-Appell am 06.06.1937

Schlagzeilen:
Der Kreis-Appel in überwältigender Weise durchgeführt – Das Volk und die Bewegung sind eins!
Ein Tag erhebenden Bekenntnisses zur national-sozialistischen Westanschauung in jedem Moment“.

Neben den vielen Fahnen und Wimpeln sah man die Uniformen als Zeichen eine einheitlich ausgerichtete Volksgemeinschaft:

  • Braunhemden
  • Das Grau der Wehrmacht
  • Das Dienstkleid der vielfältigen Formationen
  • Das Erdbraun des Arbeitsdiensts

Es folgen die Berichte von den Tagungen, die in und vor der Stadthalle, in der Stadt sowie auf der Brede stattgefunden haben.

Vorweg diese Bemerkungen: Die Botschaften an das Volk sind bezeichnend und bekannte Stereotypen tauchen der Kirche und den Juden. Die Kirche wird (noch) ausdrücklich geschont, das ist eine deutliche Zurückhaltung angesichts der vielen Katholiken. Die Redensart über die Juden ist diffus, unkonkret und ideologisch aufgeladen.
Der Bolschewismus als Feindbild wird markiert . Deutschlands Zeit in der neuen Roller in Europa steht bevor und der Nationalstolz gehöre dazu. Es werden falsche Hoffnungen in die Welt gesetzt, die später immer unrealistischer und dreister werden. Die Volksgemeinschaft wird beschworen.

Tagung „Amt für Kommunalpolitik“ (Stadthalle)

Der engagierte Redner Landrat Dr. Reschke beginnt mit dem gewaltiger wirtschaftlicher Aufschwung der letzten vier Jahre. Es gäbe praktisch keine Arbeitslosen mehr. Für die Belangern der Landwirtschaft würde für Arbeitskräfte gesorgt für Erwerbstätige vor Ort durch Wohnungsbau u. a.

  • Das Thema Marktordnung und Preisüberwachung sei ein ernstes
  • Zum Viehhandel mit Juden: Dieser sein noch nicht vollkommen überwunden. Mit strenger Hand müsse durchgegriffen werden, und das Verschieben und Verschwinden der Tiere zu vermeiden. Diese würden der Ernährung des Volkes entzogen. 
  • Missbrauch, zu den schwebenden Klosterprozessen. Diese seien außerhalb der Kirche vor ordentlichen Gerichten zu behandeln. Der Staat habe ein starkes Verantwortungsbewusstsein vor Gott (!).
  • Nur die Gemeinschaftsschulen (nicht die konfessionellen) böten die Garantie für eine ordentliche Erziehung im Sinne des Staates

Tagung Propaganda (Brede)

Der Propaganda-(Film-, Funk und Kulturstellen-) Leiter Pg. Schmidt, Münster spricht im voll besetzten Saal der Brede. Ziel der Propaganda sei es, das Volk auszurichten Mit Hilfe jener „Dinge, die aus dem Volk gewachsen sind“. Nur das Große und Heroische sein dem dritten Reich angemessen.

  • Der Feind sei die fremde Idee [des Bolschewismus), die in Russland herrsche. Stalin sei „nicht der Führer eines Volkes, sondern der Exponent der jüdischen Lehre des Karl Marx“. 
  • Deutschland sei jetzt wieder ein Machtfaktor, der nicht mit sich spielen lasse. Militärische Sicherheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit seien die dringenden Ziele des nächsten Vierjahresplans. 

Interessant sein Exkurs zur Kirche: Nicht die Kirche werde bekämpft, sondern allein der Missbrauch von Geistlichen. Sie würden die Gesundheit und Kraft des Volkes beeinträchtigen. Seine vom Beifall unterbrochenen Ausführungen beschießt der Redner mit dem Appell für die Einheitsschule.

Appell der Wehrmacht und des Arbeitsdienstes und Ansprachen (Stadthalle Vorplatz)

Die Fahnen werden vor der Halle aufgereiht, die Pionierkapelle aus Höxter spielt kraftvoll. Kreis-Organisations-Leiter Stute erinnert an die 28 Toten (es waren 31 und viele Verletzte) des Panzerschiffes „Deutschland“ vor Spanien im Mittelmeer, die Opfer eines Bombenangriffs, „des Untermenschentums“ (hier Rot-Spanien) geworden seien. Es folgt das Lied vom guten Kameraden. Am Ende folgen auch die neuen nationalen Lieder.   

  • Kreis-Leiter Dr. Trost hält eine „bedeutende Ansprache“. Er zielt auf die die Ruhestörer Europas und bekräftigt, „wir wollen keinen Krieg“ und “ wir wollen die Weltkatastrohe [Krieg]“ so lang wie möglich hinausschieben. Aber mittlerweile gehe der Bolschewismus zum Angriff über. Hier aber sie das neue Deutschland entstanden und habe einem hohen Lebensstandard erreicht.

Wir werden jetzt das nächste Kapitel Europa selber schreiben, so seine Worte. „Deutschland war 1.000 Amboss, aber nur sind wir Hammer“.

Parade (Vorbeimarsch) auf dem Markplatz

Die Front der Akteure und Ehrengäste des Tages ist aufgereiht vor dem Preußischen Hof (Am Markt 9).

  • Dunkler Paukenschlag und schmetternde Marschmusik hallt durch die Straßen: „Dann kommen sie, unsere Jungens“. die der Wehrmacht und der Marine, der Flieger und des Motorsturms. „Die Beine fliegen und der Nageschuh knallt auf das Pflaster“. Schließlich folgt der Arbeitsdienst mit eigener Kapelle, den „Spaten als vorläufiges Gewehr“ geschultert. Am Schluss erscheint die SS-Formation. Alles in allem zeigt sich die „wiedererstandene deutsche Kraft“ und ein Nationalstolz sei mehr als berechtigt.


Zur Stärkung sehen Feldküchen bereit, es gab Erbsen mit Speck, danach schmackhafter Pudding und Rhabarbermost von der Frauenschaft für wenige Pfennige. Die jungen Damen hätten ein „recht niedliches Geschau“ auf die Uniformierten, die selber keine Kostverächter seien, heißt es weiter.

Tagung der Volkswohlfahrt (NSV), ein zentraler Teil der Bewegung

Die Redner weisen darauf hin, dass echte Kameradschaft wie im Krieg das Fundament einer wirklichen Wohlfahrtspflege sei. Bei dem Kampf ums Dasein dürfe die Bedeutung des Wohlergehens der Menschen und die Gesunderhaltung des Volkes nicht vernachlässigt werden. Die kinderreiche Familie sei eine besondere Aufgabe, die unterstützt werde durch  die NS-Schwestern und den NS-Kindergarten mit entsprechender Erziehung (für Kinder ab zwei Jahren). In der ehrenamtlichen Mitarbeit könne jeder seine Ehre finden.  Der Weg über die Generationen führe zum „Ewigen Deutschland“.

Tagung NS-Lehrerbund (Brede)

Fast alle Lehrer des Kreises waren in die Aula des Gymnasiums Brede zusammengekommen. Der baulich recht wirkungsvollen Raum sei würdig für die Einstimmung in die kommende Weihestunde. Nach dem Vorspruch „Ich bin ein Deutscher“ folgte gehobene Musik  von Schuber, Wagner, Chopin, und Beethoven sowie die Rezitation von Gedichten und schließlich der Vortrag: „[Paul] Lagarde als Seher des dritten Reiches“. Diese Geschichte sei ein Bekenntnis zur Volkwerdung Deutschlands. Der Schulchor, Solisten und die BdM-Mädchen der Brede waren aufgetreten. Mit einem Siegheil auf den Führer wurde die Weihestunde beendet.

Tagung Dt. Arbeitsfront (DAF)

Das Volk steht über allem, das sei die nat.-soz. Weltanschauung, heißt es. Basis sei der allseits zufriedene schaffende Mensch. Die Arbeit allein sei ein Übel, der Gewinn sei die Gemeinschaft aller Volksgenossen.

  • Nur ein reines Volk könne dies verwirklichen. Das die neue Rasse-Erkenntnis und es folgt eine Breitseite gegen die Juden: „Das Ziel der Juden ist es, die völkische Einheit der Deutschen zu zerschlagen und die rassisch wertvollen Kräfte im Volk zu vernichten“.
  • Nur mit dem Glauben an die eigene Leistung kommen man weiter. Zurzeit stehe die Ernährungs- und Rohstoff-Freiheit (Unabhängigkeit) auf dem Plan und – man höre und staune- die Herstellung von Treibstoffen werde bereits in einem Jahr möglich sein.    

Die DAF werde durch die Massenorganisation „Kraft durch Freude“ unterstützt, somit seien bei Organisationen die wichtigsten Stützen der Existenz.

Tagung des NSBDT, Bundes der deutschen Techniker

In der Gastwirtschaft Klemm (Hanekamp 4). Dieser Verband sei gerade erst im April 1937 gegründet worden, um die 300 Einzelvereine unter ein Dach zu bringen. Die liberale Weltanschauung habe zu einen Tiefstand auf allen Gebieten des technischen Lebens geführt. Deutscher Wille und Erfindungsgeist stehe bereit. Dafür zukunftweisende Bahnen zu schaffen, sei das neue Hauptziel des Führers. Eine hoffnungsvolle Botschaft wurde in der Raum gesetzt: Der Teutoburger Wald und Umland besäßen beträchtliche abbauwürdige Erzvorkommen. Die „kurze, aber bedeutungsvolle Tagung“ endet mit der Führerehrung.

Tagung des Reichnährstandes

Etwas hochtrabend klingt der Titel der Tagung, denn nur Landwirtschaftsrat Everding spricht den dem neuen ehrgeizigen Ziel der Ernährungsfreiheit in den nächsten vier Jahren. Fördermittel stünden bereit, um die Bodennutzung erfolgreich zu gestalten. Hochwertiges Saatgut sei die Grundlage und die rechtzeitige Anmeldung bis zum 15 Juni sei für den Bezug hilfreich. Die Reinigung und Beizung des Roggens sei vielerorts beklagenswert und der Pflege der Dungstätten und der Düngung müsse mehr Rechnung getragen werden.
Hinweis. Man reibt sich die Augen, die Entwicklung einer wirklich leistungsfähigen Landwirtschaft mit Motorisierung, Technisierung und Spezialisierung beginnt in Europa, nur nicht in Deutschland.   

Kundgebung der NS-Frauenschaft

Vor der Rede Gauleiterin der Frauenschaft, Irene Seydel, wurden auf dem Platz vor der Stadthalle Gesang, Tänze und fröhliche Spiele der BdM-Mädchen dargeboten.

  • Die Gauleiterin sagte, der Anteil der Frauen an dem Aufbauwerk des Führers werden unterschätzt. Ihre Arbeit liege auf dem Gebiet der Pflege des Gemüts und des Herzens.
  • „Glaube, Liebe, Hoffnung“ keime auf, wenn die Frau im Mittelpunkt der Familie stehe.
  • Dem Vorwurf, der Nationalsozialismus sei ein Angriff auf den Glauben, trat die Rednerin entschieden entgegen. Zwei Religionen gäbe es, aber in der Hauptsache seien wir in erster Linie Deutsche.

Mit Führerehrung und „jubelnd klangen der Lieder der Nation über den Platz“ .

Von dem  „Heiteren Abend“ wird einen Tag später, am 08.06.1937 berichtet

Froher Ausklang mit der NSG Kraft durch Freude in der Stadthalle

Großer Andrang in der Stadthalle, vier Kassen, viele hunderte waren gekommen, um den großen Tag hier ausklingen zu lassen. Pünktlich um 20 Uhr begann die Vortragsfolge mit Musik und Vortragsstücken. Dabei trat der Ansager „Ewald“ selbst als Humorist auf, später unterstützt durch das Duo „Pilz und Naumann“ aus Köln, die im bunten Kostüm mit Wort- und Mienenspiel die Menge zu Lachen brachte. Dach verblüffte der Hund „Stüppchen“ mit Rechenaufgaben und Dressur die Zuschauer. Auch die tanzlustigen Jungen und Mädel kamen nicht zu kurz, es wurde ein richtig stimmungsvoller Abend. Die Biertheke war gut besetzt und „über allem schwebte eine schier undurchdringliche Wolke blauen Dunstes, dem Ausdruck reger Tätigkeit der Männerwelt“. Bis nach Mitternacht ging der Abend und mit „neuer Kraft und neuer Freude“ kehrten die Teilnehmer zu der alltäglichen Arbeit zurück

Hinweis: Werbeanzeigen 1937

Den Vorberichten vom 06.06.1937 folgt eine Seite Anzeigenwerbung mit der Titelzeile „Ein herzliches Willkommen in Brakel“. Von den neun Anzeigen betreffen diese fünf die Stadt Brakel:

  • Kornhaus Brakel, Warburger Str. 21
    Hinweis; Das Kornhaus der Centralgenossenschaft bekam 1920 die Außenstelle an der Driburger Str. (bis 1965, dann zu Autohaus-Seibert). 1936 wurde das Gelände des jüdischen Landhandelsunternehmen Weiler-Heineberg-Flechtheim, die auf Druck des NS-Regimes verkaufen mussten. Neben dem Produktenhandel ist ein Raiffeisen-Markt am Standort.
  • Anton Meyer, Bauhandel und Haushaltsgeräte
    Hinweis; die Fa. Anton Meyer hatte ihren Stammsitz Ostheimer Str. 6. Sie hatte auf der Seite gegenüber einen Standort für landwirtschaftliche Geräte sowie eine Lagerhalle. Das Geschäft bestand bis in die 1960er Jahre
  • KartonagenFabrik Fabrikation von Faltschachteln, Versandkartons und Hersteller der bekannten „Kabra“-Holzstoffkisten mit Holzboden und Hohlboden. Die Schreibweise der Anzeige ist „Kartonnage“ (mit 2 n).
    Hinweis: Die Kartonagen- oder Klammerfabrik war eine Fabrik zu Holzverarbeitung. an der Warburger Straße, dem ersten Gewerbegebiet jenseits der Kernstadt. Die Fabrikation bestand von 1925 bis ca. 1960.
  • SperrholzFabrik Fritz Becker
    Gegründet und angesiedelt 1936 auf dem ehemaligen Gelände der 1928 eingegangenen Zuckerfabrik Brakel. Heute: „Fritz Becker KG – Formteile aus Holz und Vlies“
  • Gräflich von Mengersen’sche Brauerei Rheder
    In Rheder, Nethetalstr. 10. Die Brauerei wurde 1686 gegründet und wuchs zu einer großen regionalen Marke. Die Brauerei firmiert heute als „Schlossbrauerei Rheder“.