Vorbemerkung zum Umgang mit der Geschichte der Juden
Das Thema jüdisches Landleben in Brakel und Umgebung ist beim näheren Hinsehen eng verwoben mit ganz konkreten historischen Informationen und Dokumentationen vor Ort. Die bisherige regionale Geschichtsschreibung anerkennt zwar diesen Zusammenhang und zeigt die hohe Präsenz von jüdischen Akteuren. Gleichzeitig werden aber dann der Einfluss und die Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe heruntergespielt. Juden werden vorwiegend als Leitragende dargestellt oder als eine durch viele Regelungen beschränkte Gruppierung.
Das ist ein offenkundiger Widerspruch, denn gerade diese gesellschaftliche Minderheit hat enorme Akzente gesetzt wirtschaftlich, kulturell und durchaus auch politisch. In en Sozialwissenschaften gibt es den Begriff der „Agency“, der Handlungsfähigkeit. Sie waren in bürgerlichen Berufen und als Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte, Pressevertreter, Künstler gestalterisch und erfolgreich, sie haben so zur Entwicklung der ganzen Region wesentlich beigetragen.
Dadurch haben die Juden auch ganz erheblich zur Modernisierung der alten und trägen Gesellschaft beigetragen. Sie sind die Mitgestalter der lokalen neuzeitlichen Verhältnisse.
Schließlich war im Lauf der Geschichte auch eine gegenseitige Annäherung im Gange, eine Akkulturation der Juden in Richtung Integration.
Leider werden heute immer noch viele Aspekte marginalisiert oder verzerrt und im Sinne der mehrheitlichen Meinungsbildung dargestellt. Oder wie die Wissenschaft sagt, es werden vorhandene Narrative gefördert. Das ganze Thema ist und bleibt sensibel, es ist und bleibt politisch aufgeladen. Es wäre schön, wenn auch die gegenwärtige und seit 2000 deutlich verstärkte Erinnerungskultur den mehr oder weniger verengten Blick aufgeben könnte, um am Gesamtbild mitzuarbeiten.
