Zur Rolle der Juden im Rahmen der Agrarreformen zur Bauernbefreiung
Ausgangslage
Die Agrarreformen Anfang des 19. Jh. betrafen die Ablösung der Lasten, Heuern und Dienstbarkeiten der Bauern. Sie brachten den Bauern die persönliche Freiheit, den eigenen Hof mit den Flächen und eine eigenständige Wirtschaft. Der Weg bis zur vollständigen finanziellen Ablösung war aber mit besonderen Belastungen verbunden, darunter Klimaextreme, Missernten und Preisekonjunktur und zog sich deshalb in die Länge über Jahrzehnte.
Nach langen Diskussionen kam erst 1836 die Paderborner Tilgungskasse ans Werk und sorgte für geordnete Verhältnisse bei den Finanzgeschäften der Bauern. Bei dem Weg dahin gab es offene Not auch bei den Bauern und nicht wenige waren mit mit Schulden, Heuern und Realabgaben in Rückstand geraten. und mussten Flächen verkaufen.
Die Rolle bei den Agrarreformen
1808 Bürgerrecht für Juden
Das klassische Geschäft der Juden vor der Emanzipation 1808 war der Handel mit Getreide, Vieh und die Vergabe von Krediten. Handwerk und öffentliche Ämter waren ihnen nicht zugänglich, auch nicht der Erwerb von Land.
Der Schritt in die neue Selbständigkeit und persönliche Freiheit im Jahr 1808 brachte mit sich die Stellung als normale Bürger mit allen Rechten und Pflichten. Das bedeutete auch der Erwerb von Grundbesitz und neue Bildungswege mit neuen Berufen. Ihre Rolle muss ambivalent beurteilt werden, wird gesagt. Einerseits waren sie unverzichtbare Partner in der ländlichen Ökonomie. Andrerseits wurden sie für die bäuerliche Verschuldung verantwortlich gemacht. Sie hatten Ausgrenzung zu ertragen und waren trotzdem erfolgreich, aber sie konnten bei dem großen Transformationsprozess nicht alles erreichen.
Sorge um Landkauf-Aktivitäten in Brakel
In Brakel erhielten 1808 zwölf Familien das Bürgerecht, das mit der Vergabe eines Familiennamens verbunden war. Bei der Bemessung des Bürgergeldes gab es unterschiedliche Sichtweisen. Das ist ein Vorgriff auf die neue Situation, bei der die nutzbare Landwirtschaftsfläche in neue Hände geht.
„Das Bürgergeld sollte zunächst auf 20 Reichstaler jährlich festgelegt werden, wird dann aber auf Vorschlag des Friedensrichters auf 10 Reichtaler für Erwachsene und 5 Reichstaler für ein Kind ermäßigt. – Damit ist der städtische Notar Rosenmeyer nicht so einverstanden. Er meint, es sei nicht unbillig, die teuren Summen zu zahlen, Zitat: ‚Wenn die hiesigen jüdischen Familien für das Bürgerrecht . . . dadurch in Hinsicht auf die hiesigen Waldungen und öffentlichen Weiden sich große Vorteile erkaufen, die sie vorher nicht hatten. Dazu muss ein Taler gezahlt werden, für das Kaufen und Pflanzen von Obstbäumen.’“ Zitat aus „Brakel 829-1979“, S. 270, Beitrag Engemann, Gesch. der jüd. Gemeinde.
Im Rahmen der Verschuldung weiter Teile der Landbevölkerung und auch wegen der Unkenntnis in Kreditgeschäften traten in der Zeit vor der Ablösung der Lasten dann wohl häufig Fälle ein, in denen das Land den Besitzer wechselte: Und das waren offenkundig vermehrt auch jüdische Käufer. Dieser Aspekt ist in der Fachliteratur nicht genannt oder herausgearbeitet.
In der Volkszählung Brakel 1843 sind 24 jüdische Haushalte aufgeführt, darunter 9 Kaufleute und 3 Mäckler/Makler: Meyer Nethe, Sander Steinberg und Moses Fernheim. Die Bezeichnung gab es im 19. Jh. für die Vermittlung von Immobilien, Waren, Dienstleistungen.
Bestandteil der Wirtschaft und Beschränkungen für Juden
Verschuldung der Bauern
Mit der erfolgreichen Wirtschaftstätigkeit der Juden wird die Verarmung der Landbevölkerung in direkte Verbindung gebracht. Ursache und Auslöser waren die rigiden Agrarreformen der Preußen und viele Juden wurden Nutznießer durch Vergabe von Krediten. Oberpräsident von Vincke hatte die Regionen intensiv bereist und kam zu nüchternen Erkenntnis, wie dem Problem begegnet werden könnte. Er erwirkte einen Landtagsbeschluss 1826, wonach der Erwerb von Grundbesitz usw. begrenzt werden sollte. Im Jahr 1827 folgte seine Denkschrift, in der er harte Maßnahmen gegen die Juden fordert. Alles das war wohl nur begrenzt wirksam und die Geschäfte der Juden mit der Landbevölkerung gingen weiter.
Erst im September 1836 wird die Kabinettsorder für die Kreise des Hochstifts Paderborn – d. h. die Kreise Paderborn, Büren, Warburg, Höxter – erlassen: „Über die Verhältnisse der Juden“, die auf mehren Gutachten seit 1817 beruht. Danach wurden den Juden der Erwerb von Grundstücken verboten, wenn sie sie nicht selbst (oder mit jüdischen Gesinde) bewirtschaften konnten. gegen diese Order gab es zahlreiche schriftlichen Proteste und Bedenken von den örtlichen Verwaltungen (z. B. von Bürgermeistern). Erst 1847 trat das allgemeine und liberale Preußisches Judengesetz in Kraft.
„Der Jude muss kommen“
Der Spruch ist belegt für Körbecke (Wochenblatt 27/2025, Artikel Stolpersteine). Hier wird der Ruf auf den jüdischen Viehhändler bezogen. Tatsächlich waren die meisten Handelsjuden juristisch und finanziell versiert und behilflich bei Mangel Bargeld, Liquidität und Geldgeschäften allgemein. Sie waren wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil der ländlichen Ökonomie
Durch die jährlich fälligen Zahlungen an die ehemaligen Grundherren bis zur Ablösung der Höfe gelangten zahlreiche Bauern in die wirtschaftliche Schieflage und hatten kein Geld, z. B. zur Vorfinanzierung der kommenden Aussaat. Auch bei notwendigen Anschaffungen und weiteren Verbesserungen waren viele Kleinbauern auf jüdische Kreditgeber bzw. Händler angewiesen. Auch bei den häufigen Subhastationen (Zwangsversteigerungen) und Güterverkauf durch Aufteilung („Güterschlächterei“) waren wohl vorwiegend die Juden tätig, wie es in Chroniken und Zeitungsannoncen festgehalten ist. Von den Landverkäufen profitierte nicht nur der Adel erheblich, sondern auch die Juden.
Die soziale Distanz bleibt weitgehend erhalten
„Im Schweiße deines Angesichts sollst du [dein] Brot essen, bis du wieder zurückkehrst zum Erdboden; denn von ihm bist du genommen“ (1. Mose 3:19). Die Bauern hatten eine quasi religiöse Beziehung zur Arbeit und zum Boden. Die Juden waren auch durch Gewerbe-Beschränkungen zur Handel und Kaufmannstätigkeit gezwungen. Diese behielten sie sich weitgehend vor auch nach der Emanzipation. Das schaffte eine gewisse und fortwährende Distanz zwischen Landbevölkerung und Landjuden, die durch den alten katholischen Glauben bestärkt wurde. Danach waren die Juden für dien Kreuzestod von Jesus verantwortlich gemacht.
In der Fachliteratur
Das Thema Rolle der Juden im Rahmen der Agrarreformen wird unterschiedlich behandelt
- Bis Ende 1980-er Jahre ist das kein Thema und wird systematisch vollkommen ignoriert. Im Buch v. Hagen/Behr (1987 und 1988) steht die Bezeichnung Juden nachrangig bei einigen Aufzählungen.
- In der Folgezeit bis heute (2025) ist das Juden ausführlich behandelt. Sie werden weniger als Gestalter und Mitakteure dargestellt, sondern vorwiegend in der Rolle Opferrolle, die mit ungerechten Beschränkungen an der vollen Teilhabe der Emanzipation beschnitten werden. Andererseits wird die große Vielfalt anhand von Personenbeschreibungen sichtbar, gerade bei den Landjuden in Westfalen, Vgl. Strotdrees, Jüdisches Landleben 2024.
- Die kritische zeitgenössische Literatur (v. Schwerz 1836, Edikte im Hochstift Paderborn) wird i. d. R. ganz verschwiegen oder nur unter dem Blickwinkel Behinderung und Ausgrenzung dargestellt. Die besondere ökonomische Bedeutung bei dem Reformprozess nur rudimentär sichtbar. Die Zeit wird als Herausbildung eines Sozialneides in der Bevölkerung und von Stereotypen des Antisemitismus gekennzeichnet.
Zur Situation in Brakel
Beispiele für den Besitz und die Bewirtschaftung von Höfen in der Region
Im den beiden Stiften Paderborn und Corvey gab es schon 1810 rund 300 Grundbesitzer jüdischen Glaubens (Landw. Wochenblatt 43/2021). Diese Fälle sind näher bekannt:
- Levi Lilienthal in Steinheim auf dem Paradieshof von 1837 bis ca. 1850 (vgl. Landw. Wochenblatt 45/2021) und
- Der Schäfer Löwenstein in Borgholz (Landw. Wochenblatt 43/2021)
- Auch in Peckelsheim gab es 6 jüdische Landwirte, teils mit mehreren 100 Morgen. In Borgentreich eine Viehweide von 25 ha.
- Das Gut Edelborn der Familie Aronstein (bei Büren, Kreis Paderborn) hatte 70 ha und einen neu errichteten Gutshof.
Um 1840/50 hatten es viele Landjuden zu Wohlstand und Ansehen gebracht, Der soziale und gesellschaftliche Aufstieg wurde mit der Emanzipation seit 1808 möglich, und zwar trotz der formellen Hürden und Hindernisse. Die Juden waren erfolgreich im Einzel- und Großhandel mit landwirtschaftlichen Produkten und hatten durch ihre Vernetzung besseren Zugang zu Kleesamen für den Futterbau und weiterem Saatgut, Beim Pferde- und Viehhandle waren sie in der Lage, die gewünschten schweren Arbeitspferde und verbessertes Milchvieh zu beschaffen.
Indizien in den Jahren 1843 und 1848
Ein Indiz sind Aufrufe im Rahmen der revolutionären Umtriebe auch in unserer Region. Als Gegner der unterdrückten Bauern werden Adel und Juden genannt und in Flugblättern beschuldigt. Im März 1848 fordern die örtlichen Landwehrmänner Branntwein und Geld von den jüdischen Kaufleuten. Das haben sie sich geholt bei einem Raubzug durch die Stadt. Durch eine List (ein Trommelzug) konnten sie wieder aus der Stadt gelockt werden.
Vgl. StChr. Brakel, S. 100:
Im Monate März d. J. sollten nämlich die Landwehrmänner des ehemaligen Kreises Brakel auf dem sog. Westerlindensiek bei Brakel ihre gewöhnlichen Übungen abhalten. Sie waren auch zahlreich erschienen. Infolge der politischen Wirren war aber unter den rohen Bauernburschen der Geist des Ungehorsams und der Frechheit erwacht. Daher hielt der Feldwebel nur eine wohlmeinende Ansprache, ermahnte zum Frieden und entließ sie. Alsbald strömte der größte Teil der selben in die Stadt, stürmte vor die Häuser der israelitischen Kaufleute und forderte mit Ungestüm Branntwein, Erspartes u. dergl., was ihnen auch verabreicht wurde.
1843 wird Naphthaly Northeim beruflich als Ackermann eingeordnet. Der landwirtschaftliche Beruf war eher unüblich bei jüdischen Einwohnern. Aber hier in diesem Zusammenhang mit der Umwälzungen der Bauernbefreiung, ist es durchaus plausibel. Zu vermuten ist auch, dass es sich dabei um die Hoflage und Besitz eines von Zwangsversteigerung betroffenen Vorgängers handelt.
Notiz über den „Aufschwung des Judentum im 19. Jh.“ in Brakel
So ist eine kurzer Abschnitt der Handschrift betitelt von Johann Junker (1879-1966) in seinem Nachlass (vgl. StA, Ordner 1: Teil Chronologische Daten zu Brakel und verschiedene Personen). Darin nennt er diese Daten und Stichworte:
- 1808: Bürgerrecht und F. [Familien-] N. [Namen]
- Erste Hälfte des [19.] Jh.: Flechtheim-Bank
- 1843: Bau der Synagoge mit Vorbau [-haus]. Anmerkung d. Verf.: Die Einweihung erfolgte 1844.
- 1851-53: Hakesberg, Lobbenberg, Heinemann errichten am Bahnbau in Neuenheerse Metzgereien
- um 1860: Northeim, Weiler, Sudheim besitzen große Teile der Brakeler Feldmark
- Der Getreidehandel kommt völlig in ihre Hand, Firma [Weiler-Heineberg- Flechtheim]
Anfang 20. Jh. verfügen die Brakeler Juden über bedeutenden Landbesitz
Für Brakel ist bekannt, dass weite vorwiegend Ackerflächen der Feldmark in besonders die fruchtbaren Lagen (wie z. B. Königsfeld, Westerlindenfeld, auf der Hochfläche Modexen und im Siek Richtung Riesel) jüdischen Eigentümern gehörten. Es liegt nahe, dass diese Konzentration nicht zufällig entstanden, sondern zielstrebig erfolgt ist.
Offenkundig ist auch der jüdische Besitz von Flächen direkten Stadtrandgebiet, so an den Ausfallstraßen, am Bahnhof. Vgl. „Bebauungsplan 1925 unter Benutzung Katasterkarte, Entwurf 1914“. Bei ca. 40 Grundstücken sind jüdische Besitzer eingetragen. Dabei handelt es sich meist um große Flächen mit 1.000 Quadratmetern bis einigen Hektar.
