1. Startseite
  2. »
  3. Zur Rolle der Juden...

Zur Rolle der Juden im Rahmen der Bauernbefreiung

Die Ablösung der Lasten, Heuern und Dienstbarkeiten brachte den Bauern den eigenen Hof und eine eigenständige Wirtschaft. Der Weg dahin war aber mit besonderen Belastungen verbunden (Klima, Missernten, Krankheiten). Nach langen Diskussionen kam erst 1836 die Paderborner Tilgungskasse ans Werk und sorgte für klare Verhältnisse.

Auf dem Weg dahin gab es Not auch bei den Bauern und nicht wenige waren mit mit Schulden, Heuern und Realabgaben in Rückstand geraten.

Das klassische Geschäft der Juden vor der Emanzipation ab 1806 war der Handel mit Getreide, Vieh und die Vergabe von Krediten. Handwerk und öffentliche Ämter waren ihnen nicht zugänglich, auch nicht der Erwerb von Land.  

Der Schritt in die neue Selbständigkeit und persönliche Freiheit im Jahr 1808 brachte auch mit sich die Stellung als normale Bürger mit allen Rechten und Pflichten. Das bedeutete auch Erwerb von Grundbesitz und neue Berufe.

1808 Bürgerrecht für Juden und Sorge, dass das Bürgergeld für Landkauf verwendet wird

In Brakel erhielten 1808 zwölf Familien das Bürgerecht, das mit der Vergabe eines Familiennamens verbunden war. Bei der Bemessung des Bürgergeldes gab es unterschiedliche Sichtweisen. Das ist ein Vorgriff auf die neue Situation, bei der die nutzbare Landwirtschaftsfläche in neue Hände geht.

„Das Bürgergeld sollte zunächst auf 20 Reichstaler jährlich festgelegt werden, wird dann aber auf Vorschlag des Friedensrichters auf 10 Reichtaler für Erwachsene und 5 Reichstaler für ein Kind ermäßigt. – Damit ist der städtische Notar Rosenmeyer nicht so einverstanden. Er meint, es sei nicht unbillig, die teuren Summen zu zahlen, Zitat: ‚Wenn die hiesigen jüdischen Familien für das Bürgerrecht . . . dadurch in Hinsicht auf die hiesigen Waldungen und öffentlichen Weiden sich große Vorteile erkaufen, die sie vorher nicht hatten. Dazu muss ein Taler gezahlt werden, für das Kaufen und Pflanzen von Obstbäumen.’“

Zitat aus „Brakel 829-1979“, S. 270.

Durch die Verschuldung weiter Teile der Landbevölkerung und auch deren Unkenntnis in Kreditgeschäften traten in der schwierigen Zeit vor der Ablösung der Lasten dann wohl mehrfach Fälle ein, in denen das Land den Besitzer wechselte: Und das waren sicher vermehrt auch jüdische Käufer. Dieser Aspekt ist in der Literatur nicht gesondert aufgeführt oder herausgearbeitet.

Dass Juden selbst die Bewirtschaftung von Höfen und Flächen übernahmen, ist vereinzelt belegt.

Einige Beispiele

Im den beiden Stiften Paderborn und Corvey gab es schon 1810 rund 300 Grundbesitzer jüdischen Glaubens (Landw. Wochenblatt 43/2021). Diese Fälle sind näher bekannt:

  • Levi Lilienthal in Steinheim auf dem Paradieshof von 1837 bis ca. 1850 (vgl. Landw. Wochenblatt 45/2021) und
  • Der Schäfer Löwenstein in Borgholz (Landw. Wochenblatt 43/2021)
  • Auch in Peckelsheim gab es 6 jüdische Landwirte, teils mit mehreren 100 Morgen. In Borgentreich eine Viehweide von 25 ha.
  • Das Gut Edelborn der Familie Aronstein (bei Büren, Kreis Paderborn) hatte 70 ha und ein Gutshof wurde gebaut.

Sicher ist, dass es viele auch Landjuden zu Wohlstand und Ansehen brachten, Der soziale und gesellschaftliche Aufstieg wurde mit der Emanzipation seit 1808 geschaffen. Hinzuweisen ist hier auf den großen Brakeler Landhandel Weiler-Heineberg-Flechtheim, der überregional tätig und erfolgreich war.  

Indizien 1843 und 1848

Ein Indiz sind Aufrufe im Rahmen der revolutionären Umtriebe auch in der Region. Als Gegner der unterdrückten Bauern werden Adel und Juden genannt und in Fluglättern beschuldigt. Die Landwehrmänner, die aus der Umgebung von Brakel stammten, fordern Branntwein und Geld von den jüdischen Kaufleuten. Das haben sie sich geholt bei einem Raubzug durch die Stadt. Durch eine List (ein Trommelzug) konnten sie wieder aus der Stadt gelockt werden.

Vgl. StChr. Brakel, S. 100:

Im Monate März d. J. sollten nämlich die Landwehrmänner des ehemaligen Kreises Brakel auf dem sog. Westerlindensiek bei Brakel ihre gewöhnlichen Übungen abhalten. Sie waren auch zahlreich erschienen. Infolge der politischen Wirren war aber unter den rohen Bauernburschen der Geist des Ungehorsams und der Frechheit erwacht. Daher hielt der Feldwebel nur eine wohlmeinende Ansprache, ermahnte zum Frieden und entließ sie. Alsbald strömte der größte Teil der selben in die Stadt, stürmte vor die Häuser der israelitischen Kaufleute und forderte mit Ungestüm Branntwein, Erspartes u. dergl., was ihnen auch verabreicht wurde.

1843 wird Naphthaly Norheim als Ackermann beruflich eingeordnet. Der landwirtschaftliche Beruf ist eher unüblich bei jüdischen Einwohnern. Aber hier in diesem Zusammenhang mit der Umwälzungen der Bauernbefreiung, ist es durchaus plausibel. Denkbar ist auch, dass es sich dabei um Hoflage und Besitz eines von Zwangsversteigerung betroffenen Ackerwirt handelt.

Chronik-Notiz „Aufschwung des Judentum im 19. Jh.“ (in Brakel)

So ist eine kurzer Abschnitt der Handschrift betitelt von Johann Junker (1879-1966) in seinem Nachlass (im StA, Ordner 1: Teil Chronologische Daten zu Brakel und verschiedene Personen). Darin nennt er diese Daten:

  • 1808: Bürgerrecht und F. [Familien-] N. [Name]
  • Erste Hälfte des [19.] Jh.: Flechtheim-Bank
  • 1843: Bau der Synagoge mit Vorbau [Einweihung 1844]
  • 1851-53: Hakesberg, Lobbenberg, Heinemann errichten am Bahnbau in Neuenheerse Metzgereien
  • um 1860: Northeim, Weiler, Sudheim besitzen große ‚Teile der Brakeler Feldmark
  • Der Getreidehandel kommt völlig in ihre Hand. Firma [Weiler-Heineberg- Flechtheim]

Für Brakel ist bekannt, dass weite Flächen der Feldmark, also in der Feldflur, hier besonders die fruchtbaren Flächen (z. B. Königsfeld, Westerlindenfeld, Hochfläche Modexen und Siek Riesel) jüdischen Eigentümern gehörten. Das legt nahe, dass diese Konzentration planmäßig erfolgt ist.

Daneben im unmittelbaren Stadtrandgebiet, so an Ausfallstraßen und am Bahnhof, größere unbebaute Flächen in jüdischer Hand. Im „Bebauungsplan unter Benutzung Katasterkarte, Entwurf 1914“ sind die Flächen eingetragen. Bei ca. 40 Grundstücken sind jüdische Besitzer eingetragen. Dabei handelt es sich meist um Flächen mit 1.000 Quadratmetern bis einigen Hektar.