Zwangsarbeiter in Brakel
Während des Zweiten Weltkrieges, beginnend mit Kriegsgefangenen aus Polen und Frankreich, kamen dann viele Kriegsgefangenen aus Russland usw. Sie wurden nicht nur in der (Rüstungs-) Industrie (bzw. Gewerbebetrieben) eingesetzt, sondern umfangreich in der Landwirtschaft, junge Männer und Frauen. Dies waren dann vorwiegend junge Ostarbeiter bzw. ganze Familien, die auf den Höfen untergebracht waren.
In Brakel war das Sammelquartier der Gefangenen in der Rosenstraße, wo sie die arbeitsfreie Zeit verbrachten und dort bewacht waren. In den jeweiligen Familien durften sie nicht mit am Tisch essen, sondern wurden in einem Nebenraum versorgt.
Hinweis: In Stukenbrock (Stalag 326), dem zentralen Kriegsgefangenenlager für Russen (Gefangene der Sowjetunion) in wurden Schulkinder und Einwohner der angrenzenden Orte am Zaun entlanggeführt, um einmal die leibhaftigen „Untermenschen“ (Nazi-Jargon!) zu sehen und die Überlegenheit der Herrenmenschen zu zeigen.
Die „Fremdarbeiter“, darunter auch viele zivile Personen (in Polen und Russland wurden ganze Dörfer verschleppt!) waren in Karteikarten registriert waren in der Mehrzahl 18 bis 25 Jahre alt, Männer und Frauen. Für Personen aus Russland („slawische Völker“) wurde der Versorgungstatus tiefer angesetzt. Über besondere Konflikte oder Misshandlungen ist hier nichts bekannt.
Bei Kriegsende waren sie plötzlich frei und mussten als „Displaced Persons“ in Lagern auf ihre Rückreise warten (siehe unten). In dieser chaotischen Zeit kam es nicht selten zu Übergriffen und Racheakten. Es gab auch Tote. Andererseits gab es persönliche Kontakte mit den Gastfamilien, die auch in der Nachkriegszeit gepflegt wurden.
Vier Lager in Brakel
Lager 1 – Rosenstraße / Lager 2 – Sperrholzfabrik Fitz Becker / Lager 3 – Franz Schneider Brakel / Lager 4 – Modexer Wald beim städtischen Forsthaus
Das Buch Würzburger 2016 berichtet von überall geordneten Zuständen und ordentlicher Ausstattung.
Lager 2 hatte wohl größeren Bedarf und Zuweisung. In einer Liste sind 132 Personen aufgelistet, Ein Kontingent von 40-50 war über den Bürgermeister angefordert worden.
Das Lager 3 für Firma FSB befand sich im ehemaligen Clubhaus am der Nieheimer Straße, das die Firma 1942 für diesen Zweck gekauft und hergerichtet hatte. 20 Frauen waren hier untergebracht, vorwiegend aus Russland und Polen, aber auch aus Belgien und Frankreich.
Die Gefangenen von Lager 4 – Modexer Wald „Russenlager“ genannt – waren im Stadtwald Brakel tätig und wurden auf dem Gut Modexen eingesetzt.
Im Amt Brakel, so heißt es, waren über 650 Zwangsarbeiter tätig, vorwiegend in der Landwirtschaft auf den Gütern in Brakel mit Schäferhof, Albrock und Hainhausen sowie in Rheder, Abbenburg und Bökendorf. Im Frauenkloster Bökendorf waren fünf Frauen auf der Krankenstation beschäftigt.
Die Stadtchronik von Brakel gibt einige Auskunft über das Thema
Hinweis: Vorsicht, auch hier ist der Sprachgebrauch der Zeit zu finden:
- 1944 (Okt.): Ukrainerinnen wohnen im eh. Clubhaus am Feuerteich, das Fa. Schneider (FSB) gekauft hatte. Es gab Differenzen wegen der seelsorgerischen Betreuung durch die Kirche. Formell galt kein Verbot, aber es wurden nur Personen aus Privathaushalten seelsorgerisch betreut und konnten Gottesdienste besuchen. Auch Kindstaufen fanden statt. Es waren auch Französinnen darunter, die zu ihrer persönlichen Sicherheit nach Deutschland verbracht wurden, weil sie für die deutschen Besatzern gearbeitet hatten. Darunter auch eine Holländerin, die berichtet über die „sittliche Verkommenheit“ der Französinnen berichtet. In der Zuckerfabrik bzw. auf dem Bahnhof arbeiten holländische Kriegsgefangene.
- Sammelunterkunft für die französischen Kriegsgefangene war das eh. Lagerhaus der Schäftefabrik (für Stiefel, Schuhe) der jüdischen Familie Dalberg in der Rosenstraße. Ergänzung nach Würzb. 2016: Das „Franzosenlager“ beherbergte 50 Bewohner, die auf der Höfen in der Stadt arbeiteten, Für den Flechtmerhhof und das Gut Westerlindenfeld gab es eigene Zuweisungen.
- An Beerdigungen von Ausländern durften keine Deutschen teilnehmen.
- 1945 (Anfang März): Massentransporte von ausländischen Arbeitern und KZ-Häftlingen werden vom Westen über Brakel weitergebracht. Der furchtbarer Trek blieb einige Tage bei Brakel stationiert, bevor er nach Lippe weiterzieht. Es kam zu Plünderungen bei Tag und Nacht. Hinweis: Würzburger 2016, S. 105 f, berichtet von mehreren „Durchschleusungen“ dieser Art. Die Bauern hätten je 12 Personen in die nächste Stadt weitertransportiert. Rechnungen von Bäckern für Brotlieferung etc. wurden beglichen.
- Ende März, Gründonnerstag, den 29. März, bringen sich viele Brakeler im Modexer Wald in Sicherheit, bevor am 5. April erste Kampfhandlungen stattfinden und am 7. April die Stadt durch die US-Einheit endlich besetzt ist.
Ein polnischer Zwangsarbeiter wird 1940 in Hampenhausen erhängt
Im August 1940 wird der polnische Arbeiter Stanislaus Stankowski (27 J.) an einer Kastanie erhängt für eine „Sittlichkeitsverbrechen“. Er sei mit offenem Hosenschlitz im Dorf gesehen worden. Die Gestapo Bielefeld verhängte das erste Todesurteil dieser Art. Die polnischen Zwangsarbeiter der Umgebung mussten der Hinrichtung beiwohnen. An anderer Stelle ist die Rede, er sei bei Bauer Breker erhängt aufgefunden worden. Würzburger (2016) weist darauf hin, dass der Mann laut Attest eigentlich arbeitsunfähig und unzurechnungsfähig war und abgeschoben werden sollte. Das NS-Volksblatt v. 27.07.1940 berichtet über den Fall in Hampenhausen „Polnischer Wüstling erhängt“.
Vgl Würzburger 2016, S. 107 f
Die Zwangsarbeiter in den ersten Monaten nach Kriegsende
Hier der Blick auf die ersten Monate nach Kriegsende. Brakel war von US-Truppen eingenommen und die Militärregierung eingesetzt. Im Juni wurde diese an die Briten abgegeben, weil dieser Teil Westfalens an diese fiel. Die Zwangsarbeiter waren plötzlich frei und bekamen bessere Unterkünfte. Sie wurden nach einigen Wochen in Sammellager eingewiesen bis zur ihrer Rückführung. In Höxter bestand ein das große Lager (für ca. 2.500 Personen) bis September 1946, die noch vorhandenen Personen kamen in das Lager Rheine.
Die Schreckensnacht von Fürstenau bei Höxter im April 1945
In der Übergangszeit nach dem Einmarsch der Amerikaner in Höxter kam es in Fürstenau zu einem schrecklichen Unglück Die zahlreichen Polen und Russen der Region, ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, waren in einem DP-Lager (Displaced Persons, „heimatlose Ausländer“) in Höxter untergebracht. Zwei Polen kommen am 27. des nachts auf Beute-Streifzug durch Fürstenau. Einer wird von der Dorfwache aufgegriffen. Er ist unbewaffnet und er kommt durch Notwehr oder Totschlag (Lynchjustiz) ums Leben. Ein Ereignis mit schlimmen Folgen. – Zwei Tage später zieht ein Rachefeldzug von 100 Polen nach Fürstenau, zündet Feldscheuen und Häuser an. Die Bürger wehren sich, es gibt 7 Tote. Die Briten als spätere Besatzungsmacht kommen zum Überfall und nehmen 48 Personen fest. Im Oktober werden 4 Polen vom Militärgericht in Paderborn zum Tode verurteilt, weitere ca. 25 Personen erhalten 10 bis 20 Jahre Haftstrafe. Der materielle Schaden wurde auf 96.200 RM geschätzt und an den Ort bezahlt. Der in Fürstenau getötete Pole wurde später auf dem Friedhof Höxter beigesetzt.
Über das Ereignis ist auf den Ortsseiten von Fürstenau nichts direkt zu finden (!). Im Zusammenhang mit dem Denkmal für die 22 deportierten Juden aus Fürstenau 2021 wird der Opfer der Nationalsozialismus gedacht. Vgl. Würzburger S. 231
Weitere Vorfälle
- Gut Breite bei Bruchhausen
Das bei Bruchhausen außerhalb gelegene Gut Breite war wiederholt Ziel von ehemaligen Zwangsarbeiter. Sie bedrohten die Familien auf dem Hof und weiteren im Umkreis. Sie nahmen Lebensmittel (auch Nutztiere), Kleidung und Wertgegenstände an sich. Zahlreiche außerhalb gelegene Höfe waren diesen Gruppen schutzlos ausgeliefert. Vgl. Würzburger S. 233.
Im Kreis Warburg gab es mehrere Lager für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, einige bestanden bis 1948. In Höxter wurde das Lager im September 1946 aufgelöst.
- Tödlicher Arbeitsunfall in Bustollen
Im Dezember 1940 kommt der junge Stanislaw Szaruch im Alter von 17 Jahren bei einem Unfall mit Pferdegespann beim Mistfahren ums Leben. Auf dem „Alten Friedhof Dalhausen“ ist sein Grabstein erhalten.
Entschädigungszahlungen 2001
Im Jahr 2000 wurde durch die Bundesrepublik Deutschland eine Stiftung gegründet, um denjenigen Personen etwas zu geben, die bei den Weltkriegs-Entschädigungen bisher leer ausgegangen waren, die zivilen Zwangsarbeiter. Mit Beteiligung von zahlreichen Unternehmungen kamen über 5 Mia. Euro zusammen, die ab 2001 (bis 2007) an Überlebende ausgezahlt wurden. Die Empfänger waren bereits 70 bis 90 Jahre alt, sie erhielten die symbolischen Beträge zwischen 500 Euro (für Landwirtschaft) bis 2.500 und mehr für Industriearbeit). Die Dauer des Einsatzes wurde berücksichtigt.
Das letzte Kapitel des Buches Würzburger 2016 (s. 338-340) nennt die Zahlen für den Kreis Höxter. Hier wurden 325 Anträge gestellt, die meisten in Höxter (71), Warburg (67) und Brakel (45). Für Brakel Stadt sind 17 Personen benannt, die 28 anderen kommen aus den Dörfern (vorwiegend mit Gutsbetrieben). Gehrden ist mit 12 Personen darunter.
Bezogen auf die Gesamtzahl von 650 Personen im Kreis lag der Anteil der der noch Lebenden und am Ausgleich Interessierten bei 50 %. Es erstaunt das Alter der Personen im Relevanzjahr 1945: Sie waren zu 45 % erst 12-14 Jahre alt. Sie waren oft mit Familie gekommen und wegen der Todesrate und Umverlegungen der Erwachsenen waren sie die größte Gruppe unter den Zwangarbeitern geworden.
Literatur
- Landmuseum Wasserschloss Wülmersen bei Trendelburg (2025): Ausstellung Zwangsarbeit auf dem Land
- Ernst Würzburger (2016): Zwangsarbeit im Kreis Höxter. Verlag Mitzkat Holzminden.
