Bürgermeister Müller 1934 beschuldigt

Aus Akten des Kreisarchivs Höxter (M1IP): Klemens D. v. 29.10. 1934

Vom 29.10.1934 rührt die Beschwerde gegen den Bürgermeister Müller wegen seiner distanzierten Haltung zum Dritten Reich. Verfasst hat sie der PG (Pateigenosse) Klemens D., gleichzeitig SA-Mann. – Hier vorweg, das Ende der Affäre: Die Vorwürfe hielten einer Nachprüfung nicht stand, da Herr Düker keine Zeugen oder stichhaltige Unterlagen vorlegen konnte. Der Wortlaut des Briefes konnte deshalb im Kampfblatt „Westfalen-Hort“ nicht veröffentlicht werden. Der Schriftleiter setzt den Herr Regierungspräsidenten da von in Kenntnis. 

Ausgangspunkt war ein Artikel im NS-Kampfblatt „Der Stürmer“, in dem darauf hingewiesen wurde, dass noch Bürgermeister im Amt seien, die sich noch restlos „auf den Staatsgedanken der Dritten Reises umgestellt haben“. „Sie regieren lustig weiter, machen äußerlich, das was sein muss, die schwarze Seele [die katholische Haltung] ist geblieben“.

  • Er solle die Schleifen von Kränzen der Partei am Ehrenmal entfernt haben und er soll einem NS-Kampfgenossen einen Vortrag über den Wert der SPD gehalten haben. Weitere sonderbare Vorkommnisse seien:
  • „Auch im Nethegau sitzt ein solches Musterexemplar in der Person des Herrn Bürgermeisters Müller. Besagter Herr war in der Kampfzeit ein eifriger Gegner all dessen, was sich national nannte“.
  • Beim Spielen des Horst Wessel-Lieder auf einer Parteiveranstaltung 1933 tat er so, „als ginge es ihn nichts an“. Auch soll er mal geäußert haben, man wisse nicht, „wie lange Hitler an der Macht bliebe“. Und schließlich habe seine Tochter bei der Volkabstimmung im August 1934 versucht, ein anderes Mädchen zu beeinflussen, man müsse mir „Nein“ stimmen. Und so seien schließlich „rund ein Drittel Neinsager gezählt worden“. Die Tochter habe kundgetan, „was für ein Geist in dem Hause des Stadtoberhauptes herrschen“ würde.

Er selbst, ein „alter Kämpfer gestattet sich nun“ darauf hinzuweisen, dass der Bürgermeister dies Fragen beantworten müsse, „andernfalls muss eben jeder deutsche Volkgenosse seine Konsequenzen ziehen.“

Hinweise:

Jakob Müller war Bürgermeister der Stadt Brakel von 1919 bis 1945. Er hat sich in der Tat nicht hinreißen lassen zu einem distanzlosen Umgang mit der Partei, er hat einen sachlichen Sprachstil gepflegt und sich an Recht und Gesetz gehalten. 1945 wurde er als „belastet“ eingestuft und musste das Amt verlassen. Müller war 1937 in die NSDAP eintreten, wie alle anderen Stadtbediensteten auch, wenn sie ihre Tätigkeit behalten wollten. Eine „Bürgermeister Müller-Straße“ wäre eine schöne Anerkennung gewesen für einen aufrechten Mann in turbulenter Zeit. So bleibt es bei, „Kobergweg“, benannt nach seinem Vorgänger, Bürgermeister von 1885-1918 in Brakel.